»Der Tod, er trennt nicht nur. Manchmal entsteht aus einer Verbindung,
die er zu vernichten droht, ein Bündnis für die Ewigkeit.«
Nach einem schweren Verlust finden Vater und Tochter keinen Weg zurück ins Leben.
Als sie unerwartet Post aus der Toskana erhalten, beginnt eine Reise, die alles verändern wird.
320 Seiten • März 2019
*Auch im Buchhandel und bei allen gängigen Online-Shops erhältlich.
Jan und Carmela führen eine deutsch-italienische Bilderbuchehe. Ihr größtes Glück ist ihre zehnjährige Tochter Matilda. Alles scheint vollkommen, bis Carmela unheilbar an Krebs erkrankt und stirbt.
Für Vater und Tochter bricht eine Welt zusammen. So sehr sie sich auch bemühen, sie finden kein Weg zurück in ihr normales Leben. Während Jan immer mehr verstummt und die meiste Zeit antriebslos im Bett verbringt, wird Matilda von Albträumen und Schuldgefühlen gequält. Sich selbst überlassen, sucht sie vergeblich nach Halt bei ihrem in sich gekehrten Vater - vergeblich.
Die Monate vergehen. Dann kommt ein Brief aus der Toskana. Von Carmela. Der Beginn einer Abenteuerreise, die alles verändern wird.
Viele der schmerzhaften Dinge im Leben sind mit einem Gefühl des Abschieds verbunden. Eine Liebesbeziehung, die zerbricht, ein Lebensabschnitt, der zu Ende geht oder der Tod eines nahestehenden Menschen. Manchmal geschieht es schleichend, manchmal völlig unerwartet. Fast immer aber empfinden wir das Abschiednehmen als Zäsur - als tiefen Einschnitt, dessen Folgen uns mitunter über Jahre begleiten. Oft stehen wir da, blicken fassungslos ins Leere und fragen uns, wie es sein kann, dass etwas einfach geht, obwohl wir es doch gerade noch im Arm gehalten haben.
Auch ich tat mich lange Zeit schwer mit dem Verabschieden. Meist verfuhr ich dabei getreu der alten Pflasterdevise: lieber ein kurzer Ruck als ein langsames Ziehen. Ich glaubte, mein Herz auf diese Weise zu schützen. Und ganz sicher wollte ich nicht zu jenen gehören, die am Bahnsteig zwischen Rollkoffern und Abschiedsszenen in Tränen ausbrechen. Immerhin schleppte ich mich mit dieser stringenten Haltung bis weit ins Erwachsenenalter - auch wenn ich dabei nicht selten auf Eisschollen übernachten musste.
Irgendwann aber beschlich mich der Verdacht, dass an dieser Strategie etwas nicht stimmte. Zunächst war es nur ein leises Unbehagen, das sich langsam zu einem hartnäckigen Zweifeln steigerte. Ich fragte mich, ob die Kunst des Lebewohlsagens tatsächlich darin besteht, permanent verbrannte Erde zu hinterlassen oder jedes Gefühl von Traurigkeit zu eliminieren - zumal es mir trotz beharrlichem Pflasterreißens nie gelang, mich wirklich frei zu fühlen. War mein akribisch betriebenes Seelen-Peeling in Wirklichkeit vielleicht doch nur eine abgewandelte Form des Festhaltens?
Als ich meine beiden Protagonisten, Matilda und Jan, vor fast zehn Jahren in die Senesi-Wüste schickte, um den Spuren Carmelas zu folgen, ahnte ich nicht, dass ich damit selbst eine Reise beginnen würde. Anfangs stand lediglich die vage Idee, eine Art Roadmovie in Buchform zu schreiben und die Eindrücke meiner zuvor unternommenen Reise durch die Toskana festzuhalten – dieser einzigartigen, beinahe überwältigen Landschaft, die sich mir tief eingeprägt hat.
Die eigentliche Geschichte entwickelte sich nur langsam. Dabei war mir zunächst mehr an der Beschreibung der Kulisse gelegen, als dass ich den Figuren größeren Raum zur Entfaltung gab. Immer wieder legte ich das Manuskript beiseite, um anderen Projekten den Vorrang zu geben. Für gewöhnlich holte ich es dann wieder hervor, wenn sich in meinem Leben etwas ereignete, das im weitesten Sinne etwas mit Loslassen oder Abschiednehmen zu tun hatte.
Damals wusste ich allerdings noch nicht, dass sich in den folgenden zehn Jahren eine ganze Armada an Liebgewonnenem aus meinem Leben schleichen sollte. Um ein Haar wäre ich sogar selber weggespült worden, sodass ich gar nicht umhin kam, die bereits begonnene Auseinandersetzung mit diesem Thema zu intensivieren.
Dieses Buch ist gewissermaßen eine Aufarbeitung dieser Ereignisse. Natürlich ist es immer noch ein Roman, ein fiktiver Bericht über eine fast schon zerbrochene Vater-Tochter-Beziehung, die sich plötzlich in einer veränderten Wirklichkeit wiederfindet und neu auszurichten versucht. Und doch steckt in fast jeder Zeile etwas Persönliches. Meine Protagonisten wurden zu einer Art Spiegel, durch den ich meine eigenen Muster erkennen und die Brüche meines Lebens besser verstehen konnte.
Immer wieder schickte ich meine Helden auf die Reise, um sich im Loslassen zu üben und sich den essenziellen Lebensfragen zu stellen. Dabei beschränkte ich mich vor allem auf die Rolle des Beobachters. Eifrig protokollierte ich alles, was sie an Erkenntnissen zu Tage förderten. Es war viel Kostbares dabei - vieles, was mir half, die eigene Sichtweise zu verändern und mich neu zu justieren.
Insbesondere wurde mir bewusst, dass ich bislang eine wichtige Komponente des Verabschiedens übersehen hatte. Jahrelang verknüpfte ich damit nur negative Aspekte. Doch das ist eben nur die halbe Wahrheit. Fast immer findet sich im Abschiednehmen auch ein Neuanfang, ein Abenteuer, möglicherweise sogar eine Befreiung oder der Ausweg aus einer verfahrenen Situation. Insofern beinhaltet Abschied immer beides: Etwas weicht, damit etwas Neues an seine Stelle treten kann.
Man könnte sich in diesem Zusammenhang ganz grundsätzlich fragen, inwieweit die in unseren materialistischen Systemen verankerte Sammel- und Bewahrungsleidenschaft zum Glücklichsein verhilft. Vielleicht sollten wir uns wieder mehr darauf besinnen, dem Fluss beim Fließen zuzusehen. Wenn man sich von dem Gedanken trennt, etwas für immer behalten zu wollen, wird man es schließlich auch nicht irgendwann verabschieden müssen. Ich glaube ohnehin nicht, dass sich auf Dauer etwas aufhalten lässt, das gehen will. Soweit ich mich erinnere, sind Unternehmungen dieser Art fast immer schief gegangen. Und so habe ich begonnen, dem Fluss einfach beim Fließen zuzuschauen.
Überhaupt bin ich, was das Verabschieden betrifft, mittlerweile ganz zufrieden mit mir. Auf brachiales Pflasterreißen kann ich inzwischen verzichten. Sogar Bahnhöfe haben für mich ihren Schrecken verloren. Mittlerweile ist auch zu mir durchgedrungen, dass dort nicht nur Züge abfahren, sondern auch ankommen.
In diesem Sinne hoffe ich, dass euch mein kleiner Roman gefällt und verbleibe mit den besten Wünschen für 2019.
Felix Söring im Januar 2019